Sonntag, 14. Dezember 2014

14. Türchen



 „Dickes B, home an der Spree, im Sommer tust du gut und im Winter tut's weh“


Das haben schon Seeed gesungen, und wie immer, wenn es um Berlin geht, haben sie recht.
Berlin im Winter. Berlin im Winter wird irgendwie stiefmütterlich behandelt. Und ja, in meinem ersten Winter in Berlin musste ich lernen, dass der Winter wirklich wehtut. Alles ist grau, alle sind schlecht gelaunt, und wer kann, verlässt die Stadt über die Feiertage. Wer allerdings ein Studentendasein fristet und Geld verdienen muss mit dem schlimmsten Studentenjob überhaupt -  Streetpromotion- der kann nicht abhauen. Es gibt nichts Trostloseres, als spät abends bei Nieselregen und zwei Grad am Bahnhof Zoo aus der U-Bahn zu steigen um die abendliche Schicht anzutreten. Es ist kalt, aber nicht richtig knackig kalt, so dass Schnee fallen könnte, oh nein! Es ist eklig nasskalt; eine Kälte, die in die Knochen zieht. Dazu Scheißwind und Haare im Lipgloss. Und sämtliche Passanten wollen einfach nur schnell ins Warme und verdammt noch mal in Ruhe gelassen werden.

Aber auch wenn Berlin vielleicht niemals das reinweiße Schneeparadies werden wird, tun wir der Stadt Unrecht. Ja, Berlin im Winter ist trüb, grau, trostlos, eine Brutstätte für saisonal bedingte depressive Verstimmungen  Aber es gibt auch immer wieder diese kleinen Momente, die vielleicht nur so großartig sind, weil sie eben nicht in einem Skiparadies passieren. Für mich immer noch lebhaft in Erinnerung ist dieser Moment nach dem Aussteigen am Bahnhof Zoo, dem Heraustreten auf den Vorplatz, hinaus in den Graupel mit einer fetten Erkältung und dem Wissen, nicht vor 3 Uhr nach Hause zu kommen. Alles war scheiße und dann, dann war da mit einem Mal dieser Maroni-Mann. Genau wie bei der Kleinen Hexe von Otfried Preußler. Ein Maroni-Mann, so altmodisch und fehl am Platz, dass ich all meine Verpflichtungen zur Seite schob und mich unauffällig neben ihn stellte, nur um ein wenig von seiner Wärme und dem wunderbaren Duft von gebratenen Maroni zu erhaschen. Inmitten der Wand aus Grau und Regenfäden umschloss mich die Wolke aus Maroniduft wie eine weiche Kuscheldecke und ich fühlte mich sofort geborgen und auch ein wenig getröstet. Wie ich mich da nun aber herumdrückte, direkt im Einzugsgebiet des Maroni-Mannes, drehte er sich plötzlich zu mir um, guckte mich an und fragte mich, ob ich Maroni haben wollte. Natürlich wollte ich, aber ich hatte kein Geld dabei – schließlich war ich ja zum Arbeiten hier. Der Maroni-Mann nickte, drehte sich weg und ich wollte mich gerade auf den Weg machen, als er mich noch mal mit einem Winken zurückrief und mir eine kleine Tüte mit brutzelwarmen Maroni in die Hand drückte. 

Ja, die meiste Zeit tut Berlin im Winter weh. Aber dann, ganz unvermittelt gibt es diese Momente voll unerwartetem Zauber, die jede Minute lohnen. Und dann ist es einfach nur schön.
 
Herzlichen Dank Tabea für Deine Geschichte und das schöne Aquarell. Noch mehr Aquarelle, Illustrationen und Weihnachtskarten gibt es auch auf ihrem Blog Auge und Herz zu sehen!

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